Skispringen / Interview

Karl Geiger: „Ich möchte alles aus mir rauskitzeln“

6.11.2026
Waldachtal

Nach einem Sommer mit körperlichen Herausforderungen blickt Karl Geiger optimistisch auf die neue Weltcupsaison. Der Oberstdorfer spricht über seine Vorbereitung, den hohen Stellenwert seiner Familie, den Umgang mit Druck und seine sportlichen Ziele. Mit dem Skiwechsel von Gelb zu Rot – von Fischer Ski zur Unternehmensgruppe fischer – gibt es auch in Sachen Material neue und frische Impulse.

Herr Geiger, Sie sind mitten in der Vorbereitung auf die Weltcupsaison. Wie geht es Ihnen?
Karl Geiger: Ich hatte im Sommer mit ein paar körperlichen Herausforderungen zu kämpfen. Grundsätzlich bin ich aber guter Dinge, auf einem guten Weg und sehr motiviert für die kommende Wintersaison.

Was gibt Ihnen Halt, speziell wenn es etwas schwieriger und steiniger wird in der Vorbereitung?
Meine Familie gibt mir den meisten Halt. Ich habe zwei Kinder, das lenkt mich gut ab, das erdet einen und bringt einen zurück zu den wesentlichen Dingen im Leben. Da kann man dementsprechend gut abschalten, sodass man auch den Fokus aufs Wesentliche im Sport legen kann.

Wie schaut für Sie in einer perfekten Welt eine Vorbereitung auf die Saison aus?
Die optimale Vorbereitung würde ich so definieren: Gesundheit steht, wie in allen Sportarten, an erster Stelle. Wenn Körper und Geist nicht mitmachen, wird alles andere schwierig. Deshalb hat die Gesundheit oberste Priorität. Dann kommt die Technik, dass man gut und sauber trainieren kann. Der dritte Punkt ist das Material: die Kombination aus Ski, Bindung, Schuh und Anzug mit dem Körper abzustimmen, damit man ein funktionierendes Setup hat, das auf den eigenen Sprungstil passt, um im Winter schlagkräftig agieren zu können.

Sie sprechen das Material an: Sie springen diese Saison mit einem roten fischer Ski – wie finden Sie den roten Ski?
Fischer Sports verbindet man mit Gelb. Ich finde es sehr cool, dass sich die beiden Fischer Firmen zusammengetan haben. Ich denke, sie verbinden die gleichen Werte, und ich finde Rot sehr cool. Für mich funktioniert der Ski sehr gut. Ich finde es außerdem super, dass man ein Zeichen nach außen setzt und etwas anderes hat. Somit kann ich mich auch wieder aufs Wesentliche konzentrieren.

Sprich: Es ist ein Hingucker auf der Schanze, der neue Ski?
Definitiv. Für mich als Springer macht es im Sichtfeld einen Unterschied, ob man in der Hocke bzw. beim Anfahren an den Schanzentisch einen gelben oder roten Ski unter sich hat. Das passiert zwar nur im peripheren Blickfeld, aber man nimmt es wahr. Nach zwei Sprüngen hat man sich daran gewöhnt und der gewohnte Automatismus ist wieder da. Das Wichtigste ist aber, dass der Ski funktioniert – und das kann ich auf jeden Fall schon bestätigen.

Sie haben im Sport und in Ihrer Karriere schon sehr viel erreicht. Welche Ziele stehen bei Ihnen noch ganz oben auf Ihrer Liste?
Mein größtes Ziel ist, aus jeder Situation, um was auch immer es dabei geht, mein Maximum aus mir herauszuholen. Das ist der Weg, der mich über viele Jahre geprägt hat: immer ans Leistungsoptimum und an die eigene Verbesserung zu denken und auch so zu handeln. Das ist auch mein Ziel für dieses Jahr. Ich habe ergebnistechnisch schon auch etwas im Hinterkopf, aber für mich ist es wichtig, lösungsorientiert zu denken. Egal, was die nächste Saison, der nächste Winter oder die nächsten Jahre bringen werden: Ich möchte mit Vollgas und voller Motivation an die Sache rangehen und alles aus mir rauskitzeln.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die kommende Saison, die erste Saison im roten fischer Team?
Sehr positiv. Ich freue mich. Die letzte Saison war gespickt mit einigen Herausforderungen, von dem her gibt es noch einiges zu tun. Ich bin hochmotiviert und freue mich auf die Herausforderung.

Sie bereiten sich auf den entscheidenden Sprung vor. Wie kann man sich das vorstellen?
Ich sehe die Vorbereitungsphase auf den Sprung im Wettkampf als sehr individuell an. Für mich ist es wichtig, mich in einen Tunnel zu begeben und alles, was von außen auf mich einprasselt, auszublenden. Ich habe da ein paar Mittel und Wege gefunden, wie das für mich sehr gut funktioniert. Je näher ich dem Balken komme, desto zentrierter und klarer bin ich in dem, was ich tun möchte. Wenn ich dann auf dem Balken sitze, möchte ich all das auch freigeben. Die Kontrolle hemmt dann auch irgendwo die Freiheit und die Dynamik, das heißt, man muss es auch passieren lassen. Deshalb eine durchdachte Vorbereitung, aber wenn es zählt, freigeben, laufen lassen und maximale Intensität.

Freigeben und laufen lassen erfordert Vertrauen und Sicherheit. Was gibt Ihnen das nötige Vertrauen und die Sicherheit?
Die guten Sprünge vorweg. Es ist eine Art Prozess. Wenn man weiß, es funktioniert, man ist auf dem richtigen Weg, dann kommt das Vertrauen automatisch mit dazu. Und auch das Vertrauen in sich selber, in das, was und wie man trainiert hat, und in das, wie man sich aufgestellt hat. Auch wenn manchmal die Vorbereitung oder die Situation nicht ideal ist, trotzdem auf sich selber vertrauen und wissen, dass man die Leistung abrufen kann, wenn es dann zählt.

Ein junger Athlet stößt neu zu Ihnen ins Weltcup-Team dazu. Welchen Rat geben Sie ihm?
Lass dich nicht ablenken und mach dein Zeug. Es ist so banal, wie es klingt. Sich aufs Wesentliche zu konzentrieren und zu fokussieren und das, was man kann, abzurufen – nicht mehr und nicht weniger.

Sie haben 15 Weltcupsiege. Gibt es einen schönsten?
Jeder Weltcupsieg hat seine eigene Geschichte. Man würde meinen, der erste war der schönste und besonderste – mag zu einem gewissen Teil auch stimmen. Wenn man das erste Mal ganz oben auf dem Podest stehen darf, ist das schon etwas ganz Besonderes. Für mich gab es tatsächlich auch andere ganz besondere Momente. Zum Beispiel, als ich das erste Mal das gelbe Trikot überstreifen durfte – das war nach einem Weltcupsieg. Oder als ich einmal aus einem „Formtief“ kam und mich über Wochen hingearbeitet habe und am Wochenende dann plötzlich alles funktioniert hat. Das war ein unglaublich befreiendes und lösendes Gefühl.

Ich habe aber auch schon Weltcupsiege auf Schanzen feiern dürfen, die mir überhaupt nicht gelegen sind, aus welchen Gründen auch immer, und auf einmal durfte ich dort ganz oben stehen. Das ist schon auch eine ganz spezielle Geschichte. Somit hat jeder Sieg und jede Erinnerung etwas für sich, und da möchte ich mir nicht den schönsten raussuchen müssen.

Neuer Ski, neues Team
In der kommenden Saison springt Karl Geiger auf einem roten Ski. Der Materialwechsel ist Teil der Zusammenarbeit zwischen der Unternehmensgruppe fischer und Fischer Sports, die gemeinsam ein internationales Skisprung-Team aufgestellt haben. Insgesamt gehören 27 Athletinnen und Athleten aus neun Nationen dazu. Neben dem fischer Logo ist auf den Sprungskiern erstmals auch der Universaldübel DuoPower abgebildet. Die Partnerschaft setzt zudem auf die Förderung junger Talente bis 2030. 

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